Der Ewige deutsche Jude
Mein Vater ist heute dreiundachtzig
Ich bin achtunddreissig
Das allein ist schon ein Band
Und wenn er mir erzählt
Von jener Welt, der Welt von gestern
Bin ich unersättlich
Und er ist unersetzlich
Uns bleibt nur noch so wenig Zeit
Er allein kann mir erzählen
Wie es damals war
Und wie er dem entfloh
Es ist mir unbegreiflich
Woher nahmst Du bloss den Mut
MuL.er lächelt mild und weise
Angst, mein Kind, und weiterleben über alles
Überleben, um Dich zu warnen
Was aus Menschen werden kann
Aus einem Volke, einst von mir geliebt
Damit Du nicht blind sein wirst
Ach Vater, ich bin so zerrissen
Wie kann ich Dir erklären
Es ist nicht Deine Schuld
Des Henkers Fluch ruht auch auf mir
Du entkamst, nahmst aber Deutschland mit
Mit ins Exil, wo ich geboren wurde
Hast mich gewarnt, doch nicht gelehrt zu hassen
Das neue Vaterland ist mein zu Hause
Deutschland immer noch ein leiser Schmerz
Irgendwie packt mich die Sehnsucht
Man hat Dich amputiert
Weggeworfen, nicht mehr haben wollen
Deutschland ohne Juden
Nicht für mich
Du, Vater, bist mein Ewiger Jude Deutschlands. Irene Lebram, Oktober 1984